Dekolonial Erinnern … für postkoloniale Ethik
Decolonial Memories … for postcolonial ethics

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German Colonial Restitution Monitor
Podcast „Decolonial Memories“

Beginnt jetzt die Restitution nach Kamerun?

Thomas Fues, 11.06.2026

Ein kürzlicher Bericht des Portals Culturebene in Kamerun (PDF-Datei unten) macht Hoffnung, dass die dortige Regierung jetzt Ernst macht mit der Repatriierung von menschlichen Gebeinen und Kulturgütern aus Deutschland. Es wird gemeldet, dass Kulturminister Bidoung Mkpatt der Maka-Gemeinschaft die Erlaubnis erteilt hat, die Gebeine von sechs Vorfahren zurückzuholen. Diese wurden 1905 von Deutschen geraubt und lagern seit 1907 in der Anatomischen Sammlung der Universität Freiburg.

Besuch des Restitutionskomitees

Auch die Wissenschaftsministerin von Baden-Württemberg Petra Olschowski hat ihre Zustimmung gegeben. Die Vorbereitung der Repatriierung wurde wesentlich von Prof. Albert Gouaffo (Université de Dschang), Dr. Richard Tsogang Fossi (Technische Universität Berlin und Université de Dschang) und Prof. Andreas Mehler (Universität Freiburg) unterstützt. Der Besuch des kamerunischen Restitutionskomitees in Freiburg zur physischen Überführung der Ahnen wird für Mitte Juli erwartet.

Provenienzforschung

Entscheidende Voraussetzung für die Repatriierung der Maka-Ahnen ist die mehrjährige Provenienzforschung der Universität Freiburg zu menschlichen Gebeinen in der sog. Alexander-Ecker-Sammlung in Zusammenarbeit mit den Herkunftsgemeinschaften. Diese wurde vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste (DZK) gefördert.

Richard Tsogang Fossi und Andreas Mehler beschreiben die entscheidende Rolle der Provenienzforschung für die Forderung der Nachfahren nach Rückführung:

Ein 2021–2023 durchgeführtes Provenienzforschungsprojekt an der Universität Freiburg bestätigte die Herkunft der Maka-Schädel. 2024 organisierte das Africa Centre for Transregional Research (ACT) eine Feldforschung in Kamerun, bei der sich herausstellte, dass die betroffenen Gemeinschaften bislang nichts von der Verschleppung ihrer Vorfahren wussten. Ein Workshop in Atok, Kamerun, am 31. August 2024 führte zur Forderung nach Rückgabe der Schädel. Im März 2025 reiste eine kamerunische Delegation nach Freiburg, um spirituell mit ihren
Ahnen in Kontakt zu treten.“

Dialogisches Denktagebuch

Im Rahmen eines 18-monatigen Projekts haben sich die Wissenschaftler*innen Nadja Germann (Universität Freiburg) und Albert Gouaffo (Université de Dschang) als Nachfahr*innen von Tätern und Opfern mit der Repatriierung der Maka-Ahnen vor dem Hintergrund der verflochtenen Geschichte von Kamerun und Deutschland befasst. Der aufwühlende Bericht ihres teils kontroversen Gesprächs ist online auf deutsch und französisch zugänglich: „Restitution der Würde? Dialogisches Denktagebuch über «menschliche Überreste», Kolonialismus und Menschlichkeit“.

Ein Durchbruch?

Die Freiburger Repatriierung könnte der entscheidende Durchbruch für die deutsch-kamerunischen Bemühungen zur Aufarbeitung der Kolonialgeschichte sein. Im letzten Jahr hatten bereits intensive Gespräche des Restitutionskomitees Kameruns mit deutschen Institutionen stattgefunden. Unter Führung des Auswärtigen Amts auf deutscher Seite war vereinbart worden, dass in einer „ersten Welle“ kolonial angeeignete Kulturgüter aus Museen in Berlin, Stuttgart, München und Bremen restituiert werden sollten. Die für September 2025 angestrebte Aktion konnte unter anderem wegen der für den Monat darauf angesetzten Wahlen in Kamerun nicht stattfinden.

Und die anderen Gemeinschaften?

Die Repatriierung der Maka-Ahnen aus Freiburg löst bei anderen kamerunischen Gemeinschaften zwiespältige Gefühle aus. So fragen sich beispielsweise Vertreter*innen der Nso, wann die Regierung Kameruns die Genehmigung zur Rückkehr ihrer Muttergottheit Ngonnso erteilen wird. Dafür haben sie sich seit über 30 Jahren eingesetzt. Von deutscher Seite gibt es keine Hindernisse, da die Stiftung Preußischer Kulturbesitz ihre Zustimmung bereits vor vier Jahren formell beschlossen hat.

Die Nso haben eine rituelle Reinigungszeremonie am Nationalmuseum in Yaoundé für den 26. Juni 2026 angekündigt, um ihrer Forderung nach Rückkehr von Ngonnso Nachdruck zu verleihen.

Nationales Rahmendokument

Für alle Gemeinschaften in Kamerun könnte sich jedoch die Situation demnächst grundlegend ändern. Bei seinem Gespräch mit der Maka-Gemeinschaft im April 2026 hat der kamerunische Kulturminister eine weitreichende Ankündigung ausgesprochen. Wie das Portal Culturebene in dem oben angeführten Beitrag berichtet, hat er die Erarbeitung eines nationalen Rahmendokuments für Restitutionen in Auftrag gegeben. Dieser Leitfaden, so wird der Minister zitiert, soll als rechtliches und diplomatisches Modell für alle Gemeinschaften in Kamerun dienen, die ihr kulturelles Erbe oder ihre noch im Ausland gehaltenen Vorfahren beanspruchen möchten. Über den Zeitpunkt der Fertigstellung des Dokuments und mögliche Dialogprozesse im Land dazu wurde nicht berichtet.

Und Deutschland?

Welche Möglichkeiten gibt es auf deutscher Seite, um Rückführungen nach Kamerun zu unterstützen? Im März 2026 hat sich der „Koordinierungsrat für Rückgaben von Kulturgütern und menschlichen Überresten aus kolonialen Kontexten“ konstituiert. Dort wirken Bund, Länder und Kommunale Spitzenverbände unter Federführung des Auswärtigen Amts (AA) zusammen. Vorsitzende ist Staatsministerin Serap Güler; das Sekretariat wird durch das Auswärtige Amt gestellt. In der aktuell kritischen Lage, wo sich auf Seite der kamerunischen Regierung etwas bewegt, könnte das Auswärtige Amt proaktiv sein Interesse an einer baldigen umfassenden Vereinbarung signalisieren. Die Bundesregierung könnte dafür auch finanzielle Unterstützung in Aussicht stellen, weil im Etat des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) in diesem Jahr Haushaltsmittel in Höhe von 600.000 Euro für Rückführungen von Kulturgütern aus kolonialen Kontexten zur Verfügung stehen.

Beitrag des Portals Culturebene vom 28.04.2026