Im Podcast Decolonial Memories spricht die Molelia-Familie über ihre Vorfahren und Kulturgüter in Deutschland
Der 72-jährige Sirili Molelia und sein Sohn Tony (38 Jahre) aus Tansania sind im Februar 2026 zum ersten Mal in ihrem Leben nach Deutschland gereist, auf Einladung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK). Dabei ist das Leben ihrer Familie in Kibosho seit über 130 Jahren eng mit der früheren Kolonialmacht
verflochten. Deutsche Soldaten haben ihren (Ur)Großvater, Oberhaupt eines traditionellen Fürstentums am Hang des Kilimandscharo, vor 126 Jahren ermordet.
Mangi Molelia wurde zusammen mit seinem Bruder und weiteren politischen Autoritäten der Chagga-Gemeinschaft am 2. März 1900 erhängt, um jeden Widerstand gegen die Besatzungstruppen zu brechen. Die Schädel der Getöteten sowie zahlreiche Kulturgüter wurden nach Deutschland transportiert.
Podcast mit Sirili und Tony Molelia
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Besuch bei den Ahnen
In dem Podcast erklären die Molelias, warum sie nach Deutschland gekommen sind. Durch die Vermittlung von Mnayaka Sururu Mboro, Diaspora-Aktivist von Berlin Postkolonial, und dem Künstler Konradin Kunze (Flinnworks)
haben DNA-Tests von Gebeinen aus Kibosho im Besitz der SPK im Jahr 2023 ein positives Ergebnis erbracht. Damit steht fest: Mangi Molelia, sein Bruder sowie ein weiterer Verwandter befinden sich derzeit in Berlin. Sirili und Tony haben sie besucht und mit ihnen gebetet.
Eigentumsübertragung
Bei einer Begegnung mit der neuen Präsidentin der Stiftung Preußischer Kulturbesitz am 17. Februar 2026 hat Marion Ackermann das Sorgerecht für die drei Ahnen auf die Molelia-Familie übertragen. Damit haben sie die alleinige Verfügungsgewalt über die Gebeine übernommen. Eine unmittelbare Rückführung nach Kibosho ist aber nicht möglich, weil dafür eine Genehmigung der tansanischen Regierung
erforderlich ist. Diese hat sich noch nicht zu dem Rückgabeangebot der SPK geäußert.
Erfahrung der Charité
Eine ähnliche Erfahrung machte die Charité Berlin Anfang 2025, als sie zwölf geraubte Gebeine an das Oberhaupt der Hehe-Gemeinschaft in Tansania übergab. Auch in diesem Fall verweigert die tansanische Regierung bislang die Rückführung in die Heimat. Die Ahnen werden deshalb weiterhin an der Charité aufbewahrt.
Tansanisches Restitutionskomitee
Auf tansanischer Seite hat die Regierung ein hochrangiges Restitutionskomitee berufen. Dieses hat im März 2025 eine Sondierungsreise in Deutschland durchgeführt, aber bisher noch keine Erklärung gegenüber der Bundesregierung abgegeben. Es ist zu vermuten, dass sich das Komitee darauf vorbereitet, eine umfassende Vereinbarung mit Deutschland zu menschlichen Gebeinen und Kulturgütern sowie zur Anerkennung der Kolonialverbrechen zu treffen. Erst auf dieser Grundlage könnten dann einzelne Rückführungsaktionen zwischen deutschen Institutionen und Herkunftsgemeinschaften erfolgen.
Nach Rückkehr aus Deutschland will die Molelia-Familie die Eigentumsurkunde zu ihren Ahnen der Regierung vorlegen und um entsprechende Maßnahmen bitten. SPK-Präsidentin Ackermann ihrerseits will die tansanische Botschaft ansprechen, um die Erteilung der Einfuhrgenehmigung zu erreichen.
Deutsche Position zu menschlichen Gebeinen
In den Gemeinsamen Leitlinien zum Umgang mit Kulturgütern und menschlichen Überresten aus kolonialen Kontexten vom Oktober 2025 haben sich Bundesregierung, Länder und Kommunale Spitzenverbände zur bedingungslosen Rückgabe der Ahnen verpflichtet. Und gleichzeitig deutlich gemacht, dass dafür die Zustimmung der Herkunftsregierung unabdingbar ist:
„Wir halten an unserer unbedingten Bereitschaft fest, menschliche Überreste aus kolonialen Kontexten zu repatriieren, wenn Herkunftsstaaten und Herkunftsgesellschaften dies wünschen. Auch bei der Repatriierung von menschlichen Überresten ist die Zustimmung des Herkunftsstaates zu deren Einfuhr erforderlich.“
Geraubte Kulturgüter
Neben der Rückkehr der Ahnen setzen sich die Molelias für die Restitution ihres materiellen Kulturerbes ein, das von den deutschen Kolonialtruppen geraubt wurde. Im Depot des Ethnologischen Museums Berlin konnten sie sich diese Gegenstände (cultural belongings) anschauen. Bei der Weiterreise nach Stuttgart zeigte ihnen das Linden-Museum andere Kulturgüter, die ihrer Familie entwendet wurden. Darunter befinden sich nach Aussage des Museums die königlichen Insignien von Kibosho (königliches Gewand und Mütze). Auch im Leipziger Grassi Museum für Völkerkunde soll sich ähnliches Raubgut befinden.
Wie die Molelia-Familie im Podcast mitteilt, wollen sie ihre Ahnen zuhause in Kibosho würdig begraben. Die Kulturgüter der Familie sollen jedoch in einem historisch wichtigen Gebäude in Moshi Town aufbewahrt werden, wo derzeit ein Zentrum für die Chagga-Kultur entwickelt wird.
Kulturelles Erbe der Chagga
Die Bedeutung des kolonialen Raubguts erläutert die aktuelle Ausstellung des Linden-Museums, Celebrating Womanhood, die von Valence Silayo (Universität Dar es Salaam) und Fiona Siegenthaler (ehemals Linden-Museum) kuratiert wird:
„Diese Gegenstände haben eine tiefe historische Bedeutung und verkörpern spirituelle Kraft. Für die Chagga sind alle Gegenstände heilig. Gegenstände wie Holzskulpturen und Waffen symbolisieren Ehre und Tradition. Der Verlust dieser Gegenstände an Außenstehende droht ihre spirituelle und kulturelle Stärke zu schwächen.“
Stellungnahme der Molelia-Familie
Anlässlich ihres Besuchs in Deutschland hat die Molelia-Familie eine weitreichende Stellungnahme mit präzisen Forderungen zu Restitutionen und Reparationen durch Deutschland formuliert:
