Dekolonial Erinnern … für postkoloniale Ethik
Decolonial Memories … for postcolonial ethics

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German Colonial Restitution Monitor
Podcast „Decolonial Memories“

Kameruns Regierung in Bedrängnis

Interner Machtkampf blockiert Heimkehr der Maka-Vorfahren

Thomas Fues, Berlin, 01.08.2026

Die Übergabe von Ahnen in Freiburg hat nicht den von vielen erhofften Durchbruch für die deutsch-kamerunische Aufarbeitung des kolonialen Erbes gebracht. In der anatomischen Sammlung der dortigen Universität befinden sich seit über 100 Jahren die Gebeine von sechs Widerstandskämpfern der Maka, die Opfer deutscher Gewalt wurden. Obwohl sich die Herkunftsgemeinschaft während der letzten zwei Jahre eng mit den Behörden ihres Landes abgestimmt hat, musste die feierliche Aussegnung in Freiburg ohne staatliche Beteiligung stattfinden.

Erklärung der Universität

Bemerkenswert an dem Vorgang auf deutscher Seite ist, dass sich die Universitätsleitung − vermutlich nach Rücksprache mit der Landesregierung Baden-Württemberg − der kurzfristig von Kamerun gewünschten Terminverschiebung mit folgender Erklärung verweigert hat:

Der ursprünglich mit der Zeremonie verbundene Vorgang der formellen Repatriierung wird auf Wunsch der kamerunischen Regierung zu einem späteren Zeitpunkt erfolgen. Hintergrund sind weitere Abstimmungen zwischen den zuständigen Stellen in Kamerun. Die Universität Freiburg respektiert diesen Wunsch und wird daher am 16. Juli die Aussegnung durchführen, die formelle Rückführung der sechs Ahnen nach Kamerun jedoch vertagen.“

Deutsche Zustimmung

Die zuständige Landesregierung hat der Heimkehr der menschlichen Gebeine zugestimmt. Dass der Schritt mit dem Auswärtigen Amt abgesprochen ist, zeigt sich am Empfang der Maka-Delegation durch die deutsche Botschaft vor ihrer Abreise nach Freiburg. Zu dem Gespräch bemerkt das Oberhaupt der Maka-Gemeinschaften, SE Bertrand Effoudou III, in Freiburg (vollständiger Redetext siehe unten):

Am 9. Juli, bevor ich ins Flugzeug stieg, haben sie <die Botschaft> uns empfangen und wollten sich sogar die Zeit nehmen, uns zusammen mit unseren Vorfahren bei Rückkehr am Flughafen zu erwarten.“

Kamerunische Turbulenzen

Der kamerunische Rückzieher in letzter Minute legt nahe, dass es massive Konflikte innerhalb der Regierung über das weitere Vorgehen gegenüber Deutschland gibt. Das Außenministerium, das sich hier wohl durchgesetzt hat, beharrt auf einer umfassenden Vereinbarung mit der Bundesregierung für das kamerunische Kulturerbe in Deutschland. Erst danach könnten einzelne Restitutionsprozesse in Gang kommen.

Zur Vorbereitung der innerkamerunischen Abstimmungen hat der Kulturminister die Erarbeitung einer verbindlichen Leitlinie für alle Gemeinschaften beauftragt. Auf dieser Grundlage sollen sie die Genehmigung der Regierung für die Rückführung von Ahnen und Kulturgütern einholen.

Gleichzeitig scheint bei der kamerunischen Regierung die Sorge zu wachsen, dass das staatliche Restitutionskomitee weder in fachlicher noch finanzieller Hinsicht angemessen für die komplexe Aufgabe ausgestattet ist. Im Bereich der Kulturgüter hat etwa ein Forschungsprojekt mehr als 40.000 „Objekte“ aus Kamerun in deutschen Institutionen identifiziert, die während der Kolonialherrschaft ins Ausland verbracht wurden („Atlas der Abwesenheit“).

Ansprache von SE Bertrand Effoudou III

In seiner Freiburger Ansprache unterstreicht Bertrand Effoudou III, traditionelles Oberhaupt der Maka-Gemeinschaften, die historische Bedeutung der Feier zur Anerkennung der kolonialen Verbrechen und zur „Wiederherstellung der Würde“ für die ermordeten und verschleppten Ahnen. Für ihn bedeutet die Rückführung, „eine verletzte Menschlichkeit zu heilen, ein unterbrochenes Gedächtnis zu reparieren und den Dialog zwischen den Generationen wiederherzustellen“. Großes Lob findet der Würdenträger für die deutsche Seite:

Wir möchten auch den Mut der Universität Freiburg würdigen. Die Geschichte anzuerkennen ist keine leichte Aufgabe. Ja, die Archive zu öffnen, die Sammlungen neu zu überprüfen, die Gewalttaten der Vergangenheit anzuerkennen und mit der betroffenen und heutigen Gemeinschaft in einen Dialog zu treten – all das erfordert ein hohes Maß an institutioneller Verantwortung. Indem sie den Weg des Dialogs dem des Schweigens vorzieht, zeigt die Universität Freiburg, dass eine wissenschaftliche Institution die Geschichte wiedergutmachen kann, ohne ihren Forschungsauftrag aufzugeben.“

Besonders berührt hat ihn die Aussage der Wissenschaftsministerin von Baden-Württemberg, Petra Olschowski, im März 2025: „Majestät, was unsere Vorfahren Ihren Vorfahren angetan haben, ist unzulässig.“

Niederschrift der Ansprache von SE Bertrand Effoudou III

Rede der Rektorin

Die Rektorin der Universität Freiburg, Prof. Kerstin Krieglstein, bekennt sich bei der Feier zur Verantwortung ihrer Institution für koloniales Unrecht:

„An diesen sechs Menschen und an Ihren Gesellschaften ist auf diese Weise durch unsere Universität schweres Unrecht geschehen. Heute lösen wir die Ahnen aus der Ordnung kolonialer Wissenschaft.“

Symbolisch wird der Schritt durch sechs große Särge vollzogen, in denen die Schädel nach der kirchlichen Feier zu einer eigenständigen Maka-Zeremonie getragen werden. Darüber hinaus bekräftigt die Rektorin, dass ihre Einrichtung die Geschichte ihrer kolonialen Bestände weiter aufarbeiten und die Beziehungen mit Kamerun aus diesem Prozess fortführen wird.

Wie weiter?

Das Vorgehen der kamerunischen Regierung bei der Maka-Übergabe in Freiburg haben andere Gemeinschaften im Land kritisch verfolgt. Einige warten teils seit Jahrzehnten darauf, dass die eigene Regierung den Weg für die Rückkehr von Ahnen und Kulturgütern aus Deutschland freigibt. Bereits im letzten Jahr hatten sich die deutsche und kamerunische Regierung konkret auf eine „erste Welle“ für exemplarische Rückführungen in die vier Kulturregionen des Landes verständigt. Wegen der für Oktober 2025 angesetzten Wahlen in Kamerun konnte der Plan jedoch nicht umgesetzt werden. Seitdem warten deutsche Institutionen auf die offizielle Liste der Restitutionsbegehren.

Deutsche Verantwortung

Die deutsche Seite könnte den für alle Beteiligten in beiden Ländern belastenden Stillstand − egal ob Regierungen, Gemeinschaften oder zivilgesellschaftliche Organisationen − durch proaktive Schritte angehen. Eine Schlüsselrolle hierbei spielt der deutsche „Koordinierungsrat für Rückgaben von Kulturgütern und menschlichen Überresten aus kolonialen Kontexten“, in dem Bund, Länder und Kommunen zusammenwirken. Den Vorsitz hat die Staatsministerin im Auswärtigen Amt, Serap Güler, übernommen.

Voraussetzung für ein glaubwürdiges Auftreten Deutschlands wäre die Bereitstellung angemessener öffentlicher Mittel zur Unterstützung der Gemeinschaften in früheren deutschen Kolonien, insbesondere im Bundeshaushalt.