Dekolonial Erinnern … für postkoloniale Ethik
Decolonial Memories … for postcolonial ethics

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German Colonial Restitution Monitor
Podcast „Decolonial Memories“

Mythos „Saubere Schutztruppe“ widerlegt

Bundeswehr-Institut dokumentiert massive militärische Gewalt in deutschen Kolonien

Thomas Fues, 03.04.2026

So wie früher die Erzählung von der „Sauberen Wehrmacht“ im 2. Weltkrieg die historischen Fakten verfälscht hat, propagieren heute Einige den Mythos der „Sauberen Schutztruppe“. Es ist dem Bundeswehr-Zentrum für Militärgeschichte & Sozialwissenschaften (ZMSBw) zu verdanken, dass diese Legende nun systematisch dekonstruiert wird. Im Gespräch (deutsch) mit dem Podcast „Decolonial Memories“ berichten die ZMSBw-Wissenschaftler Dr. Christian Stachelbeck & Dr. Pierre Köckert über ihr Forschungsprojekt „Deutsches Militär im kolonialen Einsatz 1880-1918 – Ein Kontinuum der Gewalt“. Sie befassen sich mit dem Zustand permanenter Gewaltanwendung im hoheitlichen Auftrag durch Schutztruppe, Polizei, Marine, Zivilisten und Hilfstruppen. Hier enthalten ist eine englische Abschrift des Gesprächs.

Im Gespräch mit dem Podcast Decolonial Memories berichten Wissenschaftler des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBw)
über ihr Forschungsprojekt Deutsches Militär im kolonialen Einsatz 1880-1918 – Ein Kontinuum der Gewalt. Im Mittelpunkt des vierjährigen, bis 2028 laufenden Projekts steht die Untersuchung aller Formen der staatlichen Gewaltausübung in den deutschen Kolonien.

Permanenter Gewaltzustand

Der Projektleiter Dr. Christian Stachelbeck beschreibt die Positionierung des Projekts so:

Wir verstehen Gewalt als einen permanenten Zustand der Kolonialherrschaft, angefangen von alltäglichen Zwangsmaßnahmen bis hin zu den großen Operationen und Kriegen. Dazwischen gibt es eine große Bandbreite, die von latenter und struktureller Gewalt bis zu physischer Gewalt reicht, also Gewalt in allen möglichen Erscheinungsformen.“

700 bis 1000 Einsätze

Projektmitarbeiter Dr. Pierre Köckert stellt den vorläufigen Forschungsstand so dar:

In der Konzeptionsphase fiel uns auf, dass bislang nur die großen Kolonialkriege betrachtet wurden. Zu nennen sind hier der Maji-Maji-Krieg, der Krieg gegen die Herero und Nama in Deutsch-Südwestafrika oder der Krieg gegen die „Boxer“ in China. Jedoch stellten wir bei der Erarbeitung der Konzeption fest, dass man anhand von Gefechtsmedaillen und Gefechtsspangen eine Aufzählung verschiedener militärischer Unternehmungen vornehmen kann. Dies ergibt etwa 300 identifizierbare Ereignisse. Schon eine erste Durchsicht der Quellen lässt vermuten, dass dies bei weitem nicht die vollständige Zahl ist. Wir können davon ausgehen, dass wir schätzungsweise, momentan kann man das noch nicht genau sagen, über 700 bis 1000 verschiedene militärische Unternehmungen registrieren kann.“

Polizei, Marine, Zivilisten, Hilfstruppen

Als zentrale analytische Kategorie verwendet die Forschungsgruppe den Begriff Einsatz, definiert als die Entsendung und Verwendung von militärischem Personal zur Erfüllung staatlicher oder hoheitlicher Aufträge. Das umfasst neben der Schutztruppe Polizei und Marine, mitwirkende Zivilisten in militärischen Aktionen sowie nichtdeutsche Hilfstruppen, die in allen afrikanischen Kolonien bis auf Deutsch-Südwestafrika die Masse der Gewaltakteure stellen.

Podcast Decolonial Memories

Folge 18 des Podcasts Decolonial Memories mit dem Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr ist frei zugänglich auf den üblichen Plattformen, zum Beispiel hier:

Englische Abschrift

Die schriftliche Fassung des Gesprächs auf Englisch (pdf-Datei) gibt es hier:

Workshops

Zentrale Aktivität des Forschungsprojekts ist eine Serie von drei Workshops. Die Auftaktveranstaltung im Oktober 2025
diente zur Erarbeitung der inhaltlichen und methodischen Grundlagen. Der zweite Workshop im Mai 2026 behandelt das Thema Militärische Einsatzpraxis im kolonialen Raum. Den Abschluss bildet die Tagung Vom Kolonialkrieg zur postkolonialen Erinnerung – Transformationen kolonialer militärischer Gewalt seit 1918
im Oktober 2026. Die Forschungsgruppe bittet um Vorschläge für Beiträge zu dieser Veranstaltung − insbesondere aus den ehemaligen deutschen Kolonien − durch Email an: PierreKoeckert@bundeswehr.org.

Veröffentlichungen

Texte zum deutschen Militär in den Kolonien finden sich in den beiden Publikationsorganen des Bundeswehr-Zentrums: der wissenschaftlich orientierten Militärgeschichtlichen Zeitschrift
und dem an ein breites Publikum gerichteten Format Militärgeschichte. Zeitschrift für historische Bildung. Wissenschaftler des Zentrums wirken im Arbeitskreis Militärgeschichte mit, der in seiner
Zeitschrift Militär und Gesellschaft ebenfalls
koloniale Themen aufgreift.

Militärgeschichte

Im frei zugänglichen Heft 3/2024 der Zeitschrift Militärgeschichte finden sich beispielsweise folgende Artikel mit kolonialem Bezug:
Die Schlacht am Waterberg: Die deutsche Kolonialpolitik in Südwestafrika von Susanne Kuß,
Weiße Matrosen im schmutzigen Krieg: Die Kaiserliche Marine im Kolonialkrieg von Christian Jentzsch.

Militärgeschichtliche Zeitschrift

Hinter einer Bezahlschranke steht der Tagungsbericht von Pierre Köckert zur Gründungsveranstaltung 2025 des Forschungsnetzwerks Military, War and Gender/Diversity unter dem Thema Gender and Violence in Colonial Wars, Colonial Rule and Anti-colonial Liberation Struggles.

Kolonialkriege Ostafrika

Eine wichtige Auftragsstudie des Bundeswehr-Zentrums ist die Veröffentlichung von
Tanja Bührer Kolonialkriege in Ostafrika 1885-1914 für die Bücherreihe Kriege der Moderne. Auf einer gemeinsam durch das Zentrum und die Stiftung Humboldt Forum ausgerichteten öffentlichen Veranstaltung präsentierte die Autorin ihr Werk am 28. Januar 2026 in Berlin.

Podcasts

Zur Verbreitung seiner Ergebnisse nutzt die Forschungsgruppe auch Podcasts, von denen bislang zwei erschienen sind. In der ersten Folge befasst sich Matthias Häussler im Gespräch mit Christian Stachelbeck und Frank Reichherzer mit dem Thema Der Vernichtungskrieg in Deutsch-Südwestafrika. In der zweiten Folge sprechen Pierre Köckert und Christian Senne über Entstehung, Auftrag und Praxis der kaiserlichen Schutztruppe, moderiert von Christian Stachelbeck.