Dekolonial Erinnern … für postkoloniale Ethik
Decolonial Memories … for postcolonial ethics

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German Colonial Restitution Monitor
Podcast „Decolonial Memories“

Togo beschließt Restitutionskomitee

Welche Antwort hat Deutschland auf wachsenden Druck aus früheren Kolonien?

Thomas Fues, 06.03.2026

Am 25. Februar 2026 hat das togolesische Kabinett einen Gesetzentwurf zur Einrichtung eines Restitutionskomitees gebilligt. Das soll sich um Rückführung des materiellen und immateriellen Kulturerbes sowie von menschlichen Gebeinen und Archiven aus kolonialen Kontexten bemühen. Die Vorlage spricht von über 8.000 „Objekten“, die sich derzeit in ausländischen Museen befinden. Von der Rückführung des kulturellen Erbes verspricht sich die Regierung die Stärkung der nationalen Identität und kollektiven Erinnerung, aber auch Impulse für einheimische Kulturschaffende und den Tourismussektor.

Die erste Priorität des neuen Gremiums ist die Erstellung eines Inventars des im Ausland befindlichen Kulturerbes. Die Einrichtung des Komitees könnte eine neue Phase des proaktiven Erinnerns an die koloniale Geschichte in dem von Einigen als „Musterkolonie“ des Kaiserreichs bezeichneten Land einläuten.

Getrennte Erinnerung

Der togolesische Wissenschaftler Kokou Azamede (Université de Togo) verweist in seinem Beitrag für das Buch Fifteen Colonial Thefts auf regionale Unterschiede in den kolonialen Erinnerungsräumen Togos. Der Süden des Landes an der Küste ist demnach durch koloniale Nostalgie geprägt, die teilweise auf die vorkoloniale Präsenz von Missionsgesellschaften und Handelshäusern zurückgeht. Die daran anschließende deutsche Kolonialherrschaft wird bis heute im Süden weitgehend mit positiv wahrgenommenen Beiträgen in Infrastruktur, Verwaltung, Bildung, Gesundheitswesen und Christianisierung in Verbindung gebracht.

Dagegen wurde der Norden des Landes von deutschen Kolonialtruppen häufig unter extremer Gewaltanwendung gegen heftigen Widerstand vieler Gemeinschaften unter Kontrolle gebracht. Nach der militärischen Unterwerfung wurde die Bevölkerung zur Zwangsarbeit für Kolonialprojekte herangezogen. Kulturgüter und menschliche Gebeine wurden als Kriegsbeute nach Deutschland transportiert. Es liegt deshalb auf der Hand, dass das koloniale Raubgut in deutschen Einrichtungen überwiegend aus dem Norden Togos stammt, während vor allem Missionssammlungen für den Süden des Landes von Bedeutung sind.

Raubgut in Deutschland

In einem groß angelegten Forschungsprojekt haben die Staatlichen Ethnographischen Sammlungen Sachsen die Provenienzen ihrer Bestände aus Togo unter deutscher Kolonialherrschaft untersucht. Im Mittelpunkt des vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste geförderten Projekts stand ein Konvolut von 700 “Objekten” und Fotografien, die zwischen 1899 und 1939 als Ankäufe oder Schenkungen an das Museum für Völkerkunde Dresden und das GRASSI Museum für Völkerkunde zu Leipzig gelangten. Der Abschlussbericht aus dem Jahr 2023 dokumentiert die zahlreichen Fälle militärischer Gewaltanwendung, die der Aneignung durch deutsche Akteur/innen vorausgingen:

Im Forschungsprojekt sind acht Sammlungskonvolute untersucht worden, die alle vereint, dass sie während der deutschen Kolonialherrschaft in der Kolonie Togo angeeignet wurden. Dieser historische Kontext ist durch strukturelle Gewalt gekennzeichnet, vor deren Hintergrund die Objektaneignungen zu bewerten sind. Bei den Forschungsarbeiten haben wir verschiedene Aneignungsmodi festgestellt, in denen sich diese Gewalt unterschiedlich ausdrückt.

In seinem Text Ent-Sammeln: Grundriss einer postkolonialen Museumsethik betrachtet der Provenienzforscher Ohiniko Mawussé Toffa (Ethnologisches Museum Berlin) einen exemplarischen Fall von Kolonialgewalt in Togo und die dabei verwendete Rechtfertigungsideologie. Er bewertet den Bericht des Stabsarztes Dr. Ludwig Wolf über seine „Forschungsreise“ im Jahr 1889 folgendermaßen:

„Der Bericht ist damit auch ein Beispiel für koloniale Sprachgewalt. Worte wie ,meuchlings‘, ,Räuberbande‘ oder ,bestialische Art‘ sind keine zufälligen Formulierungen, sie sind Werkzeuge. Sie erzeugen eine Wirklichkeit, in der das Töten, Plündern und Enteignen durch Kolonialbeamte nicht als Verbrechen, sondern als Schutz und Ordnung erscheint.“

Im Rahmen des Projekts The Restitution of Knowledge haben Elias Aguigah, Yann LeGall and Jeanne-Ange Wagne die Bestände von drei deutschen Museen (Berlin, Stuttgart und Leipzig) aus Nord-Togo untersucht. Darunter befindet sich die umfangreiche Sendung eines deutschen Kolonialoffiziers, Gaston Thierry, von mehr als 1.700 Gegenständen nach Deutschland. Wie die Autoren nach Auswertung historischer Quellen darlegen, hat deren Aneignung im Kontext militärischer Gewaltausübung stattgefunden.

Menschliche Gebeine

Zusätzlich hat ihre Forschung ergeben, dass der Kolonialoffizier mehr als 60 menschliche Gebeine aus dieser Region Togos entwendet hat. Diese werden heute von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) gehalten. Im Rahmen eines mehrjährigen Forschungsprojekts (2021-24) hat sich das zur SPK gehörende Museum für Vor- und Frühgeschichte mit ursprünglich 477 menschlichen Schädeln (ancestral remains) in seinem Bestand befasst, die während der Kolonialzeit aus Westafrika (überwiegend Togo und Kamerun) nach Deutschland verbracht wurden. Im Verlauf des Projekts hat sich die Zahl der untersuchten Ahnen auf 523 erhöht. Die angekündigte Abschlusspublikation zu dem Projekt konnte bei einer aktuellen Suche im Internet nicht aufgefunden werden.

Rückkehr der Ahnen

Auf Grundlage des Forschungsprojekts zu menschlichen Gebeinen aus Westafrika hat die SPK ihre Bereitschaft zur Rückführung der Ahnen bekräftigt:

„Bei einem wesentlichen Teil konnte die Herkunftsregion so weit eingrenzt werden, dass Rückgaben an einzelne Communities möglich sind, wenn dies von den betroffenen Ländern gewünscht ist. Durch die nun von der BKM bewilligte Projektverlängerung bis zum 31.12.2024 kann die direkte Vermittlung der Forschungsergebnisse in die betroffenen Dörfer und Gemeinschaften realisiert werden… Nun werden die Ergebnisse der Provenienzforschung durch das Projektteam persönlich in den hauptsächlich betroffenen Dörfern kommuniziert werden. Durch die Vermittlung vor Ort werden die Gemeinschaften gleichzeitig ermächtigt, ihre Wünsche zu artikulieren und den jeweiligen Regierungen zu kommunizieren.“

Die angekündigte Vermittlung in Togo erfolgte bei einer Reise Ende 2024 unter Leitung von Bernhard Heeb (Kustos am Museum für Vor- und Frühgeschichte). Gegenüber der deutschen Delegation forderten die besuchten Gemeinschaften die Rückkehr ihrer Ahnen und deutsche Unterstützung für die Errichtung von Gedenkstätten. Bislang sind keine weiteren Aktivitäten von deutscher Seite in diese Richtung öffentlich dargestellt worden. Es ist zu erwarten, dass das neu installierte Restitutionskomitee Togos die Rückführung einfordern wird.

Missionssammlungen

Wie vielfältig das nach Deutschland verbrachte kulturelle Erbe Togos ist, veranschaulichen Steine aus religiösem Kontext, die ein deutscher Missionar 1911 mitgenommen hat. Sie befinden sich heute im Lippischen Landesmuseum Detmold. Die Norddeutsche Mission ist die Nachfolgeorganisation jener Gesellschaft, die den Missionar entsandt hatte. Auf ähnliche Weise hat das Übersee-Museum Bremen eine große Missionssammlung aus dem Ewe-Sprachgebiet (dem heutigen Südost-Ghana und Süd-Togo) übernommen. Derzeit führt das Museum dazu ein internationales Forschungsvorhaben (Legba-Dzoka-Projekt) durch.

Kulturgüter in nicht-deutschen Museen

Deutsches Raubgut aus Togo ist heute auch in nicht-deutschen Museen zu finden. In ihrem Beitrag für die Publikation Fifteen Colonial Thefts schildern Mitarbeitende des Field Museum in Chicago, wie ein Teil der Kriegsbeute des oben erwähnten Kolonialoffiziers Thierry durch Kauf in den Besitz ihres Museums gekommen ist.

Komitees in ehemaligen Kolonien

Mit dem Beschluss zur Errichtung des Restitutionskomitee in Togo folgt das Land dem Vorbild anderer früherer Kolonien des Kaiserreichs. Entsprechende staatliche Gremien aus Kamerun und Tansania haben bereits Gespräche mit der Bundesregierung geführt und ausgesuchte deutsche Museen besucht. Am weitesten ist der Aushandlungsprozess mit Deutschland im kamerunischen Fall vorangekommen. In den Gesprächen, die vom Auswärtigen Amt koordiniert wurden, waren exemplarische Restitutionen in die vier kamerunischen Kulturregionen als „erste Welle“ für September 2025 vorgesehen. Dieser Schritt konnte jedoch wegen der zu dem Zeitpunkt bevorstehenden Präsidentschaftswahl in Kamerun nicht umgesetzt werden. Seitdem warten die beteiligten deutschen Institutionen auf eine Liste aus Kamerun mit den gewünschten Kulturgütern.

Tansania und Ghana

Auch das Restitutionskomitee Tansanias hat nach einer ersten Sondierungsreise in Deutschland im März 2025 bislang keine Ansprüche gegenüber Deutschland angemeldet. Ghana, dessen östlicher Landesteil zu Deutsch-Togoland gehörte, hat ein beratendes Gremium (Focal Team on Restitution and Reparation) unter Leitung des Wissenschaftlers Kodzo Gavua (University of Ghana) benannt, das an ersten Restitutionsfällen durch die Stiftung Preußischer Kulturbesitz an die Gemeinschaft der Akpini in Kpando im Dezember 2025 mitgewirkt hat.

Deutsche Aufarbeitung

Die Gründung des Restitutionskomitees in Togo unterstreicht das wachsende Interesse in den kolonialen Nachfolgestaaten an Aufarbeitung der verflochtenen Geschichte mit Deutschland. Die Existenz von entsprechenden staatlichen Komitees in Kamerun, Tanzania und Togo sowie des beratenden Gremiums in Ghana widerlegt das oft − auch von der deutschen Diplomatie − gehörte Argument, in den ehemaligen Kolonien interessiere sich niemand für den Kolonialismus. In Namibia bereitet die Regierung derzeit eine nationale Strategie vor: National Policy on the Repatriation and Restitution of Human Remains and Heritage Objects.

Die aktuellen Strukturen und Förderkulissen in Deutschland sind nicht angemessen auf die bevorstehende Intensivierung der Kontakte mit den früheren Kolonien vorbereitet. Zwar haben Bundesregierung, Länder und Kommunale Spitzenverbände im Oktober 2025 Gemeinsame Leitlinien zum Umgang mit Kulturgütern und menschlichen Überresten aus kolonialen Kontexten verabschiedet. Wichtige Elemente der darin enthaltenen Fortschritte sind jedoch bislang nicht umgesetzt.

Aus dem Auswärtigen Amt ist aktuell zu hören, dass das nationale deutsche Koordinierungsgremium als zentrale Anlaufstelle für die Restitutionskomitees der verschiedenen Herkunftsstaaten ebenso wie das geplante internationale Expertennetzwerk derzeit aufgebaut werden. Ungeklärt ist, wo diese Gremien angesiedelt sind und wer für ihre Finanzierung aufkommt.