Wie kann der Nutzen für Herkunfts-Gesellschaften erhöht werden?
Von Hansjörg Dilger/Maike Schimanowski/Thomas Fues/Andreas Mehler (23.09.2025)
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Das Online-Portal „Sammlungsgut aus Kolonialen Kontexten/Collections from Colonial Contexts (CCC)“ der Deutschen Digitalen Bibliothek (DDB) zielt auf die kurzfristige Schaffung eines zentralen und transparenten Zugangs zu bereits digital vorhandenen Informationen deutscher Museen und anderer Einrichtungen mit ,Sammlungen’ oder Beständen von Kulturgütern, wie z.B. Universitäten, Bibliotheken und Missionswerken, ab.
Wer nutzt das Portal in den Herkunfts-Gesellschaften?
Die bisherigen Erfahrungen legen nahe, dass das Portal bislang wenig durch Akteur*innen aus den Herkunftskontexten und anderen Ländern des sogenannten Globalen Südens und ihre diasporischen Gemeinschaften benutzt wird. Um dieses Thema näher zu beleuchten, haben wir sowohl die DDB als Anbieterin als auch deutsche und internationale Wissenschaftler*innen als (potenzielle) Nutzer*innen schriftlich befragt.
Vorläufige Erkenntnisse
Unsere nicht-repräsentative Nachfrage scheint den Eindruck zu bestätigen, dass das DDB-Portal bislang bei den Zielgruppen aus Herkunftskontexten wenig bekannt ist. Grundsätzlich stellt sich die Frage, ob das Modell zur zentralen Erfassung aller in Deutschland gelagerten Kulturgüter aus kolonialen Kontexten den Bedürfnissen und Handlungsmöglichkeiten der Herkunftsgemeinschaften entspricht. Denn um die geht es schließlich beim Versuch der Bekanntmachung sowie der Rückführung kolonial angeeigneter Ancestral Remains und Cultural Belongings.
Unsere Empfehlungen
Die (fragmentarischen) Erkenntnisse aus unserer Befragung führen uns zu folgenden Handlungsempfehlungen für die weitere Entwicklung des DDB-Portals:
Governance-Struktur: Als entscheidenden Faktor zur Erhöhung von Attraktivität und Nutzung des Portals durch die Zielgruppen sehen wir den Aufbau einer pluralen Governance-Struktur, beispielsweise durch einen internationalen Beirat unter Beteiligung von Zivilgesellschaft und Wissenschaft aus Herkunftskontexten und Deutschland. Hierfür könnten die Erfahrungen mit dem Förderbeirat „Koloniale Kontexte“ bei der Deutschen Stiftung Kulturgutverluste ausgewertet werden. Zu dessen Mitgliedern zählen Prof. Kokou Azamede (Universität Lomé, Togo), Prof. Albert Gouaffo (Universität Dschang, Kamerun) sowie Tahir Della (Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland).
Restitutionsfonds: Um die Glaubwürdigkeit der deutschen Aufarbeitung der eigenen Kolonialgeschichte zu stärken und die Restitutionsbemühungen von lokalen Gemeinschaften und Regierungen zu unterstützen, sollte die Bundesregierung einen Restitutionsfonds etablieren und angemessen finanziell ausstatten. Im Regierungsentwurf des Bundeshaushalts 2026 sind keine Schritte in diese Richtung zu erkennen. Im Gegenteil: Der Haushaltstitel „Globaler Süden/Aufarbeitung der Kolonialismus“ im Etat des Staatsministers für Kultur und Medien (BKM) soll von 2 Millionen Euro für 2025 auf 500.000 Euro für 2026 abgesenkt werden.
Öffentlichkeitsarbeit: Wie von Nutzer*innen aus Herkunftskontexten, aber auch aus Deutschland selbst vorgeschlagen, sollte die Deutsche Digitale Bibliothek mit zusätzlichen Mitteln ausgestattet werden, um gemeinsam mit deutschen und internationalen Mittlerorganisationen, eine Strategie zur besseren Bekanntmachung des Portals bei den Zielgruppen zu formulieren und umzusetzen. Bei der Realisierung könnten die Auslandsbüros des Goethe-Instituts eine zentrale Rolle übernehmen. Ebenso sollte über weitere effektive Formen der Öffentlichkeitsarbeit nachgedacht werden, die das Wissen über das DDB-Portal – und den Verbleib von Cultural Belongings in Deutschland – z.B. über Apps, Gaming-Plattformen oder gezielte Multiplikator*innen-Workshops unter potenziellen Nutzer*innen verbreiten.
