Wie reagiert die Bundesregierung?
Thomas Fues, Berlin, 28.09.2026
Letzte Woche, am 23. September 2026, nutzte der Präsident Ghanas, John Dramani Mahama, seine Reise nach New York für eine bedeutende diplomatische Initiative. Er schlug die Schaffung einer Agentur für die Restitution von Kulturgütern unter dem Dach der Vereinten Nationen vor. Das Ziel des innovativen Vorstoßes ist die Schaffung eines globalen Rahmens, der afrikanischen Staaten und ehemaligen Kolonialmächten ein strukturiertes, transparentes Verfahren für die Aufarbeitung der kolonial bedingten Verlagerung des kulturellen Erbes bietet. Die neue UNO-Institution soll Provenienzforschung, Zugang zu Archiven und die Bearbeitung von Restitutionsforderungen nach einheitlichen Kriterien koordinieren und unterstützen.
Rede von Präsident Mahama
Die wegweisende Rede hielt Präsident Mahama auf einer Veranstaltung am Rand der UNO-Generalversammlung, die Ghana gemeinsam mit Deutschland und Frankreich ausgerichtet hat. Dabei lobte er europäische Länder, die Einzelmaßnahmen für Restitution nach Ghana in Angriff genommen haben. Beispielsweise die Niederlande, die die Rückgabe von rund 2.000 Kulturgütern angekündigt haben, und Deutschland, das vier Artefakte aus der Kpando-Region zurückgeben will. Für diese hat die Stiftung Preußischer Kulturbesitz bereits eine Rückführung beschlossen.
Restorative Justice
Die moralische Basis für den ghanaischen Vorstoß ist das Konzept von Restorative Justice, übersetzt etwa als wiedergutmachende Gerechtigkeit. Die Rückführung der entwendeten Kulturgüter sieht er als unerlässlichen Schritt zur Wiederherstellung der Würde für die afrikanischen Gesellschaften angesichts von kolonialer Eroberung und deren Nachwirkungen bis in die Gegenwart.
Dabei setzt die Regierung Ghanas nicht auf Konfrontation und Schuldzuweisung, sondern betont die Notwendigkeit einer zukunftsorientierten, partnerschaftlichen Auseinandersetzung für Heilung historischer Schmerzen und Aussöhnung.
Ghanas Führungsrolle
Der aktuelle Vorschlag Ghanas zur Errichtung einer Restitutions-Agentur der Vereinten Nationen untermauert die internationale Führungsrolle des Landes bei Aufarbeitung der verflochtenen Kolonialgeschichte. Ein zentraler Baustein in der ambitionierten Strategie des westafrikanischen Staats ist die kürzlich erfolgreich in die UN-Generalversammlung eingebrachte Resolution zum transatlantischen Versklavungshandel.
Darauf aufbauend lud Präsident Mahama im Juni 2026 zur internationalen Konferenz „Nächste Schritte für die Umsetzung von Reparatory Justice“ ein. Auf Einladung des Präsidenten hielt dort auch der deutsche Botschafter Frederik Landshöft eine Rede, in der er die Bereitschaft der Bundesregierung zur Aufarbeitung des Kolonialismus unterstrich.
Auf der Konferenz kündigte Präsident Mahama die Gründung von drei beratenden Gremien zur Beschäftigung mit dem kolonialen Unrecht an, die als Kern der „Accra Agenda“ gelten:
– Eine hochrangige politische Führungsgruppe (Global Advisory Panel on Reparatory Justice), der neben anderen die Präsidenten von Senegal, Namibia und Liberia sowie die Ministerpräsidentin von Barbados angehören.
– Ein zweites Gremium von Expertinnen und Experten befasst sich mit Restitutionsfragen (Expert Panel on the Restitution of Cultural Artefacts).
– Der dritte Personenkreis konzentriert sich auf die rechtlichen Rahmenbedingungen (Global Legal Panel on Reparatory Justice).
Kontinentale Verankerung
Ghanas Außenpolitik stellt kein isoliertes nationales Vorgehen dar, sondern erfolgt in enger Abstimmung mit der Afrikanischen Union. Der Auftritt von Präsident Mahama auf der erwähnten Veranstaltung in New York geschah in seiner Funktion als Vorsitzender des Global Advisory Panel on Reparatory Justice. International wird er als „Champion der Afrikanischen Union für Reparationen“ bezeichnet.
Dilemma der deutschen Diplomatie
Der ghanaische Vorstoß für eine neue UNO-Restitutionsagentur bringt die deutsche Diplomatie in eine verzwickte Lage. Bei der Abstimmung in der UNO-Generalversammlung zum transatlantischen Versklavungshandel im März 2026 hat sich Deutschland zusammen mit anderen europäischen Ländern enthalten. Das ideologisch und emotional aufgeladene Stichwort „Reparationen“ ist traditionell ein Reizwort für das Auswärtige Amt. Der Vorschlag für eine neue Institution unter dem Dach der Weltorganisation mit spezifischem Mandat ist hingegen konkret, operativ umsetzbar und generell weniger toxisch. Eine deutsche Zurückhaltung würde hier wenig überzeugend wirken.
Chancenkontinent Afrika
Denn Außenminister Johann Wadephul bezeichnet Afrika als „Chancenkontinent“ und unterstreicht bei jeder Gelegenheit, dass Deutschland für eine Stärkung der afrikanischen Rolle in den Vereinten Nationen eintritt. Außerdem betonen er und die für Afrika zuständige Staatsministerin Serap Güler die deutsche Bereitschaft zur Aufarbeitung der Kolonialgeschichte.
Vorbehalte bei Restitution
Andererseits zeigt die schwarz-rote Bundesregierung wenig Interesse, konkrete Schritte zur Rückführung des kolonial angeeigneten Kulturguts zu unternehmen. Finanzielle Mittel dafür sind, bis auf eine Summe von 500.000 Euro im Etat des Staatsministeriums für Kultur und Medien, im Entwurf des Bundeshaushalts für 2027 nicht vorgesehen. Dass der Vorschlag für die Restitutions-Agentur von Ghana kommt, ist für das Auswärtige Amt besonders heikel. Das Land wird als zentraler Partner in Afrika gesehen, ist aber direkt mit der deutschen Kolonialgeschichte verflochten, da das östliche Territorium zu Deutsch-Togoland gehörte. Ghanaische Kulturgüter aus der kolonialen Periode sind deshalb auch in deutschen Museen zu finden.
Wie weiter?
Es ist zu wünschen, dass die Bundesregierung über ihren Schatten springt und den Vorschlag Ghanas für eine UNO-Restitutions-Agentur aufgreift und voranbringt. Dies müsste neben der politischen Unterstützung bedeuten, dass hinreichend Finanzmittel für den Aufbau der neuen Struktur bereit gestellt werden. Zur Untermauerung seiner Glaubwürdigkeit sollte Deutschland eine proaktive nationale Politik für die Rückführung von menschlichen Gebeinen und Kulturgütern aus der Kolonialzeit in die Wege leiten.
